Die Belagerung von Raab 1809

Oberst von Pétschy, Kommandant der Pioniertruppe, bekam am 10. Mai den Auftrag, die Festung Raab zusätzlich zu verstärken, um etwaigen Angriffen besser Widerstand leisten zu können. Die Befestigungen wurden seit vielen Jahren nicht mehr in Stand gehalten. Baron Ertel wurde dazu beauftragt. „Se. Kaiserl. Hoheit der E.H. Palatin trug untern 27. April 1809 den hungarischen General Commando und Raaber Comitat auf, Arbeiter, Materialien, und alle Zugehör zum Bau eines verschanzten Laagers bey Raab vorzubereiten, und ernannte mich zum Directeur dieses Baues. Untern 7. May 1809 erhielt ich von Generalen Quartiermeister der hungarischen Insurrections Armee F.M.L. Gometz den Befehl den obgenannten Bau ungesäumt anzufangen und wegen starkem Vordringen des Feindes thätigst zu beschleunigen.” (1) Der Bischof von Raab, Joseph Wilt, verlegte seinen Sitz nach Steinamanger in das Dompalais des Propstes Leopold Somogyi. Erzherzog Joseph bezog am 26. Mai sein Hauptquartier im bischöflichen Palais in Raab. Die Verschanzungen bei Raab waren in der Zwischenzeit von tausenden Arbeitern fertiggestellt worden. Die Gesamtlänge betrug etwa 1200m. Canonicus Paintner berichtet: „In diesen Tagen ist die Arbeit an der Umwallung der Stadt voll im Gange, wobei Tausende Arbeitskräfte auch aus dem Umland herbeigerufen wurden und die Gräben und Wälle, auf denen die Geschütze aufgefahren werden sollten, auf der Straße, die nach Wien führt, ausgedehnt wurden. In unserer Stadt überstiegen die zum Schutz postierten Soldaten, die aus den Rekruten dreier ungarischer Legionen der Infantrie erst neulich gesammelt worden waren, dann die Zahl 1000 und nicht einmal ein Dutzend größerer Kanonen war über die Mauern verteilt.” (2)
Die vorhandenen zehn 12-Pfünder-Kanonen wurden an strategisch wichtigen Stellen aufgestellt. Im überschwemmten Gärmoter Morast, auf einer Anhöhe, eine Batterie mit sechs 12-Pfünder-Kanonen, die sämtliche Wassergräben bis zur Wienerstraße bedecken konnten, an der Wienerstraße wurde eine 12-Pfünder-Kanone aufgestellt, die bis zur Rabnitz reichte. In der Rabnitz-Insel wurden drei, über den Horizont reichende Batterien aufgestellt, die das rechte Donauufer erreichen konnten und sich mit der anderen Batterie kreuzte. Die Schanzen wurden am 15. Mai fertiggestellt. Die vollständige Besetzung der Schanzen mit Truppen und Kanonen wurde am 20. Mai abgeschlossen, auch die Straßen nach Raab wurden von Infanterie kontrolliert. Diese überaus schnelle Instand-setzung der Verschanzungen konnte einen geplanten Angriff von Montbrun verhindern. Die Wiener Zeitung vom 18. Juni 1809 schreibt:
„Der linke Flügel des verschanzten Laagers vor Raab stützte sich an die Raab, wurde durch die Überschwemmung des Gärmoter Morast gedeckt, der rechte stützte sich an den Donau Arm, die Linien waren mit Wassergräben versehen, und wurden durch die ausgesuchtesten Werker unterstützt.” (3)
Die Gräben zwischen den Flüssen Raab (Rába) und Rabnitz (Rábca) waren bis zu 1 m tief unter Wasser, wie überhaupt die Gegend südlich von Raab durch Moore schwer zu durchqueren war.
Die Stadt Raab war unter dem Kommando von Oberst Mihály Pétschy mit ca. 1700 Mann Infanterie (darunter die Infanterieregimenter Franz Carl Nr. 52 mit 454 Mann, J. Jellachich Nr. 53 mit 675 Mann, Wukassovich Nr. 48 mit 70 Mann und Komorn Nr. 7 mit 466 Mann, sowie kleineren Abteilungen anderer Infanterieregimenter) und ca. 40 Mann Kavallerie (neben Teilen von 8. Kienmayer, Erzherzog Joseph und Ott Husaren noch andere Regimenter in geringer Anzahl) besetzt. Ein Drittel der Mannschaft (Reserve der Divisionen Jellachich und Wukassowitsch sowie 30 Husaren) war nur mangelhaft ausgerüstet. Baron Ertel gibt die Zahl der Besatzung in der Stadt mit 1500 Mann an. Die Festung hatte die Form eines Siebenecks und nur einen Hauptwall mit einer Brustwehr. Um die Festungsmauern zog sich ein morastischer Graben. Nachdem die Festungs-mauern keine Deckung hatten und dadurch leicht durch Kanonenschüsse zu beschädigen war, gab es den Befehl, sich wenigstens sieben Tage zu halten und dann die Garnison durch eine Kapitulation zu retten.
Schon lange stand fest, daß die Eroberung Raabs ein wichtiger Teil der Strategie Napoleons war, wie aus einem Brief an Beauharnais vom 11. Juni, 6 Uhr abends aus Wien-Schönbrunn auch ersichtlich wird:
„Mein Sohn, Ihren Brief aus Sárvár vom 10. um 6 Uhr abends habe ich erhalten. Wenn Erzherzog Johann sich eindeutig in Richtung Pest zurückzieht, müssen Sie Raab besetzen. Die Einnahme dieser Stadt erweckt überall guten Eindruck. Außerdem decken Sie die ganze Linie Raab-Plattensee und in Raab sind Sie auf halbem Weg zwischen Buda und Wien.“ (4) „Die Widerstand leistenden, unter der Führung von Graf Joseph Markus aus Veszprém, die von der Infanterie waren, besetzten die Zugänge außerhalb der Vororte zu den Straßen.” (5) Generalquartiermeister Gomez verständigte General Meskó, daß ein Angriff auf Raab am 14. zu erwarten wäre. Die weiteren Befehle werden deshalb von Baron Davidovich an ihn ergehen. Angriffe blieben jedoch vorerst aus, sodaß die Kämpfe bei Szabadhegy und Kismegyer von Dächern und Kirchen aus beobachtet wurden. Um 4 Uhr nachmittag wurde die Stadt Raab verschlossen, niemand konnte weder in die Stadt hinein noch aus ihr herauskommen. Für Transporte mußte eine Wegmaut bezahlt werden. Am Abend des 14. Juni belagerten Lasalles Truppen (Kavallerie und hessische leichte Infanterie sowie die Infanteriedivision Gudin) erstmals die Stadt, die aus zwei Haubitzen der Badener Brigade unter Oberst von Neuenstein beschossen wurde. „Noch am selben Abend am 14. Juny 1809 machte der Feind drey Kanonen Schüß auf die Festung; die Kanonen, als auch die Musketrie der Festung feuerte auf alles was es vom Feind in Nachsetzen unserer Armee, und in Vorstädten entdeckte.” (6) Am 15. um 7 Uhr früh kam die Aufforderung an Oberst Pétschy, die Stadt zu übergeben. Ein Unterhändler wurde mit verbundenen Augen in die Stadt gebracht, um die Verhandlungen einzuleiten. Pétschy lehnte sie ab. Am Morgen des 15. befahl General von Harrant dem Badener Jägerbataillon, die Vorstadt und den Raaber Meiereihof zu besetzen. Das 1. Regiment folgte diesem Angriff links zwischen der Raab und der Vorstadt, das 2. Regiment rechts nahe der westlich verlaufenden Straße nach Kismegyer. Aus der Festung wurde versucht, den Vormarsch durch heftiges Geschützfeuer zu verhindern. Dabei starben Hauptmann von Davaus und sein Feldwebel vom 2. Regiment. Nach einer Stunde waren alle Vorstädte zwischen Donau und der Raab in den Händen der Badener. Die halbe Artillerie zu Pferd unter Kapitän von Freydorf nahm zwischen den Straßen nach Sankt Marton und Pápa Stellung. General von Harrant entsendete den Unteroffizier Kiby mit einer Kanone an den linken Flügel der Stellung zur Unterstützung der Jägervoltigeure unter Hauptmann Günther. (7) Gerade als Hauptmann Günther einige Schüsse abgegeben hatte, wurde sein Protzwagen von einer Granate getroffen und flog in die Luft. Hauptmann Günther, ein Unteroffizier und vier Mann wurden verwundet. (8) Eine Stunde später wurde die Aufforderung erneuert, aber wieder abgelehnt. Um 7.30 Uhr (Beauharnais schreibt 6 Uhr) begann ein mörderisches Feuer aus sechs Haubitzen und zwei 12-Pfünder Kanonen, die in der Nähe des Raaber Meiereihofes aufgestellt waren, auf die Festung. Das Bombardement dauerte bis 9 Uhr. Das Dorf Révfalu brannte, weil die Geschoße ihr Ziel verfehlten und über die Stadt hinweg flogen. Die Badener hatten den Verlust von fünf Mann zu beklagen. Einer ertrank in der Raab, die anderen wurden gefangen genommen. Zwei Tage später konnten sie wieder befreit werden. Ein Drittel der Garnison war bei Tag auf dem Wall, in der Nacht wachte die gesamte Garnison, da ein Sturm befürchtet wurde. Beauharnais schrieb am 15. aus Szabadhegy an Napoleon: „Majestät! Heute in der Früh bei Morgendämmerung ließ ich die Vorstädte von Raab durch die Badener Truppen einnehmen. General Lauriston forderte die Stadt nach meinen Anordnungen zur Kapitulation auf. Der Genieoberst, der dort Befehlshaber war, verweigerte die Kapitulation. Darauf ließ ich sechs Haubitzen und zwei 12-Pfünder in Feuerstellung aufstellen. Das Feuer fing um 6 Uhr an, um 10 Uhr standen mehrere Häuser in Flammen. Ich sandte auch eine zweite Aufforderung, die erfolglos blieb. Dann versuchten wir einige Granaten zu werfen, aber ich traute mich nicht, unsere wenige Munition ganz zu verschwenden, weil wir gestern sehr viel verbrauchten. Wir müssen aus Wien Ersatz holen lassen, wir haben schon acht Tage verloren.“ (9) Napoleon schrieb an Marschall Davout: „Beauftragen Sie General Lauriston die Stadt so lange zu beschießen, bis sie kapituliert. Er soll sogar eine scheinbare Belagerung durchführen, wenn es notwendig ist.“ (10) Napoleon hatte, nachdem er vom Erfolg der Schlacht bei Raab erfuhr, angeordnet, daß die Kavalleriedivision Lasalle die Belagerung der Stadt Raab unterstützen soll. Diese hatte mit einem Darmstädter Jägerbataillon und mit einem Teil der Kavallerie die Wiener Vorstadt und die Vorstadt Sziget zwischen Raab und Rabnitz und Donau besetzt. Der Rest der Division umschloß die Festung auf dem linken Donauufer bei der Vorstadt Révfalu. (11) Nach einer neuerlichen Aufforderung zur Kapitulation, die Oberst Pétschy wieder ablehnte, wurde von 10 Uhr bis 2 Uhr nachmittag die Stadt wieder beschossen. Nach einer dreistündigen Unterbrechung begann sie von neuem und wurde erst um 2 Uhr nachts beendet. Im Gegenzug beschoß die Artillerie der Festung mit aller Kraft französische Offiziere, die sich neben der Kirche der Meierei, die außerhalb der Stadt lag, aufhielten. Vom Kirchturm beobachtete Beauharnais, gemeinsam mit dem Pfarrer, die Stadt Raab. Die Artillerie versuchte den Kirchturm zu treffen, doch ohne Erfolg. Pfarrer Lörincz Hohenegger schrieb in sein Tagebuch: „Einige feindliche Soldaten flüchteten in das Gasthaus, das bei den Juh-Gärten und bei der langen Brücke steht, die aus der Meierei in Richtung Újváros führt und aus dem Fenster beobachteten sie die Schanze gegenüber. Die österreichischen Artilleristen bemerkten es und beschossen sie mit einer Kanone und eine Kugel flog durch das Fenster und traf die Soldaten. Lange danach waren noch Spuren von Blut an den Wänden und auf dem Dach zu sehen.” (12) Zur selben Zeit wurden auch Beobachter vom Kirchturm in Révfalu vertrieben. Der aus Raab stammende Márk Horváth schrieb: „Ein verdammter Franzose oder Italiener kletterte auf seine Fuhre, die mit Schießpulver beladen war, zieht die Hose aus, schlägt mit der Handfläche auf sein nacktes Hinterteil und zeigte auf die Burg in Richtung unserer Artilleristen. Ohne Zweifel will er folgendes sagen: Schieß hierher! Fogel, ein ausgezeichneter Artillerist von uns, der durch das Fernglas die Gegend betrachtete, bemerkte ihn und sagte: No, Himmel, ich werde jetzt damit dienen. Der Artillerist zielte auf den Franzosen und traf ihn, die Fuhre mit dem Schießpulver explodierte und auch der Franzose flog in die Luft.” (13) Trotz der Intensität der Bombardements war der Schaden am 15. eher gering. Die Bewohner der Stadt nahmen das Bombardement anfangs nicht ernst. Hohenegger schrieb darüber: „Jung(e) und der Gefahr noch nicht ausgesetzte Menschen sprangen aus ihrem Versteck heraus, wo sie einige Kugeln fallen sahen. Sie nahmen diese als Beute blitzschnell mit.” (14) Am nächsten Tag erreichte General Lasalle mit der Brigade Bruyère, die Stadt Raab, der auch hessische Schützen und Gardefüsiliere (80 Mann) angeschlossen waren. Um 8 Uhr früh wurde das Haus von Canonicus Paintner getroffen. Er schreibt darüber: „Um die achte Morgenstunde brannte als erstes das Haus des Canonicus Paintner nahe dem Seminar, der dieses zu diesem Zeitpunkt nicht bewohnte. Von diesem breitete sich der Brand, obwohl ihn ein jüngerer Geistlicher zwischen dem beständigen Krachen der herumfliegenden Geschoße mit allen Kräften zu löschen versuchte, dennoch auf die benachbarten Häuser der beiden Domkaplane und des Theologieprofessors Fábehich aus und vernichtete auch einen Teil des Hausdaches des Domprobstes Ladislai de Szentpetery, ohne daß irgend etwas in der Stadt bemerkt wurde, weil sich die Einwohner in den Kellern versteckt hielten.” Lauriston berichtet: „Am 16. Juni in der früh erschien der erste Bote und forderte den Befehlshaber der Burg zur Kapitulation auf. Der Befehlshaber der Burg Hauptmann Péchy schlug die Forderung kurz und bestimmend ab.” (15) Am Abend des 16. unternahm die Wache der Raaber Burg einen Ausfall durch das Weißenburger Tor und zündeten eine Bude in der Nähe der Schanze an, die bis jetzt als Deckung für die Franzosen diente. Gleichzeitig wurden sie durch intensives Gewehrfeuer unterstützt. Auch die Mitglieder des bürgerlichen Schützenvereins halfen tatkräftig mit, da der Treffererfolg bisher unzureichend war. Noch in der Nacht brach ein Infanteriebataillon des 8. Kienmayer-Husarenregimentes wieder aus dem Weißenburger Tor aus, um die umliegenden Gebäude anzuzünden, die den angreifenden Franzosen Deckung bieten konnten. Der Befehlshaber dieser Truppe, Pionieroffizier Wezeslaus Majtitschek, Ordonnanzoffizier von Oberst Pétschy, wurde neben dem Denkmal von St. Sebestyén tödlich getroffen. Er wurde in der Karmelitergruft beigesetzt. Am 17. Juni wurde das feindliche Feuer heftiger, da die Kanonen der Feinde näher rückten. Es brannte schon ein großer Teil der Häuser, und die Situation wurde für die Bevölkerung äußerst kritisch. Am 18. wurde in einer geheimen Mission dem Kommandanten mitgeteilt, sich noch vier Tage halten zu müssen, dann würde Hilfe kommen. Dazu schreibt Baron Ertel: „Der Commandant erhielt am 18. durch einen Spion Sr. Kaiserl. Hoheit E.H. Johann ein Zettelchen, in welchen dessen General Quartiermeister den Wunsch äußerte, daß die Festung noch 4 Täge hielt, während welchen ein Entsatz kommen würde.” (16) Napoleon kündigte Beauharnais an, daß die Infanteriedivision Gudin nach Raab marschieren werde. In der Nacht zum 17. wurde der Badener Major Killinger durch einen Jäger der eigenen Brigade erschossen, weil er ihn beim Anruf nicht erkannte. Am 18. wurde eine Brücke über die Raab hergestellt, um eine Verbindung mit der Division Lasalle zu bekommen. Am 19. wurde eine zweite Brücke drei Stunden flußaufwärts auf Befehl Napoleons gebaut, und darüber das schwere Geschütz von Preßburg gebracht. Zwei Kompanien des 2. Regimentes der Badener hatten die Brücke zu bewachen. Am 18. und 19. Juni war das Bombardement auf Raab wieder stärker und am 20. besonders intensiv. Ein Hagel von Geschoßen fiel von 8.45 Uhr früh bis 4 Uhr nachmittags und von 10 Uhr abends bis 1 Uhr nachts auf die brennende Stadt. „Ab 2 Uhr bis 4.30 Uhr am Nachmittag war alles still, um 5 Uhr fing die Kanonade wieder an und dauerte bis 2 Uhr in der Nacht. Während dieser Zeit konnten wir nicht an Schlaf denken. Die Stadt leidete viel, aber bis jetzt stand sie noch immer nicht in Flammen.” (17) In den Berichten über das Bombardement sind die Uhrzeiten uneinheitlich, oft dürften sie verwechselt worden sein oder die Intensität und Wichtigkeit wurde unterschiedlich beurteilt. Die Residenz der Benediktiner wurde getroffen, ohne daß sich das Feuer weiter ausbreitete. Auf Befehl Pétschys wurde das Pflaster der Straßen mit Stroh und Dünger bedeckt, um die Wirkung der einschlagenden Kanonenkugeln zu mindern, auch alle Dachböden mußten von feuergefährlichen Dingen geräumt werden. Hab und Gut der Bewohner wurden in die Keller gebracht. Viele suchten Schutz im Karmeliterkloster. Am 21. gegen 9.45 Uhr nachts wurde, von Révfalu aus, die Stadt erneut bis 3 Uhr morgens beschossen. „Am 21. Nachts, wo ich eben im Dienst war, brannte ein Theil der Stadt zwischen dem Stuhlweißenburger und dem Wiener Thor, es waren immer 4 bis 5 Bomben über der Festung, und ebenso viel im Fallen und springen, Haubitz Granaden, und Kartätschen durchzischten die Luft unaufhörlich, bis es Tag wurde, von uns wurde ein unausgesetztes heftiges Musketen Feuer auf die nahen feindlichen Arbeiter an den Festungs Graben unterhalten.” (18) Paintner berichtet darüber: „Nachts von 3/4 10 bis zur dritten Stunde wurde ohne Unterbrechung von der Insel die Vorstadt, von Revfalu aus und von einem Teil der Freigüter beim sogenannten Schaffgarten ein Schauer von Geschoßen in die Stadt hineingeschleudert und verbreitete schon überall sein Feuer. Zuerst wurde die Bischofsburg mit dem Getreidehaus in Brand gesetzt, hierauf breitete sich das Feuer auf den übrigen Kapitelberg und auf die Stadt selbst aus, in der es zur selben Zeit auf einer Straße hinter dem Raab-Tor zu brennen begann. In der Kathedrale durchstieß oberhalb des Altars der Seligen Jungfrau Maria, die unheilvolles Blut schwitzte, ein einziges Schwefelgeschoß die Wölbung ohne der Inneneinrichtung irgendeinen Schaden zuzufügen, während das Kirchendach, eine Ecke des Turmes und die Uhr stark zerstört wurden.” Nachdem schon 72 Häuser zwischen Wiener Tor und Stuhlweißenburger Tor und auch das Verpflegungsmagazin brannte, kam am 22. früh wieder die Aufforderung zur Kapitulation. Einige Bewohner der Stadt baten Pétschy zu kapitulieren. Nach starkem Bombardement am Nachmittag und Abend kam eine Vereinbarung mit den Franzosen zustande. Die Lebensmittelvorräte wurden knapp und reichten nur noch für drei Tage; die Anzahl der Kanonenkugeln verringerte sich auf ca. 300. Napoleon schrieb am 22. aus Schönbrunn an General Lauriston: „Herr General, Ihren Brief vom 22. 6., 3 Uhr früh habe ich erhalten. Der Gedanke macht mir Freude, daß die Stadt Raab morgen oder spätestens übermorgen mir gehört. Vernichten Sie alle Befestigungen des verstärkten Lagers, weil sie nicht viel Wert sind. Wenn Sie Raab besetzt haben, teilen Sie mir mit, wie viel Artilleriematerial Sie dort gefunden haben.“ (19) Napoleons Absicht war, einen eventuellen Rückzugspunkt im Falle von Schwierigkeiten mit der österreichischen Armee bei einem neuerlichen Aufeinandertreffen zu haben. Weiters ordnete Napoleon an, alles zur Versorgung sowie zur Instandhaltung, besonders der Ziehbrücken, den Schutzmauern und der äußeren Festungen zu unternehmen. Das dazu notwendige Geld sollte aus Ödenburg, Ungarisch-Altenburg und Raab besorgt werden. Dazu schreibt er an Beauharnais: „... obwohl ich benachrichtigt wurde, daß Sie die Kassen in Graz und in Klagenfurt nicht in Beschlag nahmen. Ich sage Ihnen, Sie folgten einer schlechten Methode! Blockieren sie gleich die Kassen in Raab, diese werden genügend Deckung für die verschiedenen Ausgaben geben.“ (20) Am 23. um 9 Uhr früh kam ein französischer Oberst mit 10 Offizieren zu Verhandlungen in die Stadt. Eine Aufforderung der Belagerer, die Stadt am 23. zu übergeben, wurde, entgegen der allgemeinen Auffassung, von Baron Ertel und Hauptmann Jacassic abgelehnt, dem sich Oberst Pétschy anschloß. Um 1 Uhr nachmittags besetzten die Badener die Tore der Stadt, die dann am 24. vereinbarungsgemäß übergeben wurden. Lauriston beschrieb Oberst Pétschy „Er war im allgemeinen ein wortkarger Mensch, der sich selten vor jemandem beugte. Ein Mann, der sehr ernst und unbeugsam war und eine eiserne Natur hatte.” (21) Die Garnison war 2500 Mann stark und besaß 18 Kanonen. (22) Die Angaben über die Anzahl der Kanonen variieren von 10 bis 18, auch die der Soldaten ist zu hoch angesetzt worden. Am 23. um 9 Uhr abends wurden die Badener durch französische und italienische Truppen ersetzt. Sie hatten den Befehl erhalten, sofort nach Preßburg zu marschieren. Der Festungskommandant verlangte freien Abzug und die Wieder-vereinigung mit der Armee. Am 24. um 3 Uhr nachmittag fand der Abzug statt. „Wir marschirten den 24. Juny 1809 um 3 Uhr Nachmittags aus, man ließ Offiziers und fahrende Bagage mit Kavallerie nach Ács begleiten, wo wir 3 Tage blieben, ehe man uns an die kaiserl. Vorposten außer den Brückenkopf übergab; die Infanterie mußte bey Raab zurückbleiben um mit Infanterie nachtransportirt zu werden; was mit selben vorfiel, ist mir unbekannt, und das ist das Ende meiner ungarischen Insurrections Campagne von 1809.” (23) Die Franzosen marschierten durch das Weißenburger Tor in die Stadt ein. Unter dem Befehlshaber General Narbonne sowie General Guillaume, der von Major Henin unterstützt wurde, gibt die Orde de Bataille die Garnisons-besetzung mit zwei Bataillonen des 3. italienischen Linieninfanterieregimentes unter Oberst Levié von General Bonfanti, das Artillerieregiment zu Fuß der italienischen Garde-Kavallerie unter Oberst Champigny, Abteilungen der Infanterie, ein Bataillon Sappeure sowie Mineure an. Nach der Einnahme der Stadt rühmte sich ein Badener Soldat in der Stadt, daß er den kaiserlichen Offizier abgeschossen hätte. Der erhoffte Entsatz durch die Armee Erzherzog Johanns kam nicht. Die Infanterie mußte zurückbleiben, nur Offiziere (14 Offiziere, 43 Unteroffiziere) und Kavallerie durften Raab verlassen und wurden nach Ács eskortiert, wo sie nach drei Tagen an die österreichischen Vorposten übergeben wurden. Im Gegenzug wurde der Teil des 65. Linienregimentes, der in Regensburg gefangen wurde, gegen die Offiziere ausgewechselt. Neben Oberst von Pétschy wurden besonders Paul von Györgyi, Obernotar von Schopf sowie Oberstleutnant Baron Ertel für ihren Mut und Patriotismus zur Auszeichnung vorgeschlagen. General Louis Marie Jacques Amalric, Herzog von Narbonne-Lara wurde zum Stadtkommandanten ernannt. Umfangreiche Zahlungen mußten an die Armee geleistet werden. So wird noch am 10. August vom bischöflichen Palais von Barauslagen von 477 Forint und 26 Kreuzer berichtet. Die Stadt wurde mit 21 Geschützen befestigt. Ausbesserungsarbeiten an der Festungsmauer wurden begonnen. Der französische Kapitän Deluret vom Geniekorps befahl János Ecker, Leutnant der Raaber Bürgermiliz und Eisenhändler in Raab, Alteisen zu besorgen. „Deluret bekam den Befehl, vor dem Wiener Tor auf der Raba einen Staudamm zu bauen, mit dem nach Bedarf Hochwasser verursacht werden kann. Auf französischem Befehl mußte János Ecker für den Staudamm Eisen liefern. 800 Doppelzentner Alteisen wurden in die Raba versenkt. Ecker war bei den Arbeiten anwesend, er lernte sehr viel davon, diese Lehren verwendete er später bei seinen Ingenieurarbeiten.” (24) Allgemein machte sich schon Munitionsmangel bei den Franzosen bemerkbar. In einem Brief vom 16.6., 5 Uhr nachmittag, aus dem Hauptquartier in Schönbrunn, schreibt Napoleon: „Ich gab Marschall Davout den Befehl, Ihnen soviel Munition zu schicken, wie er nur kann, außerdem soll General Lasalle Schiffe, sechs Mörser und drei oder vier Haubitzen erhalten. ...Um die feindliche Aufstellung bei Komorn zu verhindern und sie in Richtung Budapest zu zwingen, schicken Sie den ausgeruhten General Macdonald den Feinden nach. Ich nehme an, daß Sie alle Ihre leeren Munitionswagen schon nach Preßburg sendeten. Ich sende Ihnen 30 Wagen 6er-, 10 Wagen 12er- und 30 Wagen 24er-Haubitzen. Diese Wagen sollen umgeladen und wieder zurückgeschickt werden. Sie müssen sich keine Sorgen machen, daß Sie Mangel an Munition leiden werden. Der Herzog von Auerstädt sendet General Gudin mit 6000 Soldaten näher zu Ihnen.“ (25) Am 24. Juni kam das Schreiben von Oberst Pétschy an Erzherzog Johann. „Die wenigen Hilfsmitteln die mir zur Vertheidigung von Raab überlassen wurden, konnten es nicht verhindern, dass die Stadt von allen Seiten mit Bomben, Haubitzen, Granaten, Kugeln und Kartätschen zugleich beschossen wurde, ein grosser Theil abgebrannt, und vielleicht schon ganz eingeäschert seyn würde, wenn nicht seit der 24 Stunden bestehenden Ruhe, noch immer am Löschen gearbeitet worden wäre; hierbey hat der Feind seine Tranchéen zwischen Nro 3 und 4 Bastionen so weit vorpoussirt, dass binnen zweymal 24 Stunden in der Courtine dieser Front hätte Breche geschossen werden können. Die Garnison bestehend ohngefähr aus 1.500 Mann meistens Recrouten, war nicht hinreichend nach der Aussage der Hauptleute, einen Sturm oder Breche, nur wenn der Feind auf den Hauptwall einen gewagt hätte, abzuschlagen, weil die bas-flanquen bey den meisten Positionen sehr ruinirt wurden, dass man in der Geschwindigkeit nur mit Tambour-Pallisaden geschützt werden konnte. Aus diesen Ursachen wäre möglich gewesen dem mit 6 bis 7.000 Mann angreifenden Feinde, die Festung zu ersteigen, und ausser dem Elend des Brandes mich die Stadt der Plünderung auszusetzen. Die zusammenberufene Garnison beschloss daher, wenn bis 24ten dieses Monaths keine Hilfe kommen würde, die Festung zu übergeben, und unter dieser Bedingung wurde gestern mit dem Feinde capitulirt, wobey die Garnison am 23ten nachmittags um 4 Uhr, auf Ehrenwort, nicht zu dienen bis zur Auswechselung, gegen Komorn von hier abziehen wird.” (26) Napoleon befahl, nach der Eroberung von Raab, Erkundungsritte so weit wie möglich in Richtung Komorn und Pest zu unternehmen. Napoleons Absicht war, einen eventuellen Rückzugspunkt im Falle von Schwierigkeiten mit der österreichischen Armee bei einem neuerlichen Aufeinander-treffen zu haben. Er ließ die Stadt befestigen, wie aus einem Brief an Beauharnais vom 26. Juni, 6 Uhr früh hervorgeht. „Ich habe die Entscheidung bezüglich Raab getroffen. Heute schicke ich fünf Stück 3er Kanonen und 3000 Kugeln, dazu 3000 Kugeln für die 12er Kanonen und 4000 Pfund Schießpulver. Ihren Munitionsbestand sollen Sie auf 400.000 ergänzen. ... In vier Tagen schicke ich Ihnen zehn Stück Sechspfünder und fünf Stück Dreipfünder Kanonen, einige Mörser und Haubitzen. ... Bis ich über die Garnison bestimme versetzen Sie ein italienisches Bataillon aus 600 Personen nach Raab und sichern Sie Platz für 300 Verwundete. Ordnen Sie an, daß die Ziehbrücken und die Schutzmauern restauriert werden. Am wichtigsten ist die Renovierung der äußeren Festungen, achten Sie auf die Unterwassersetzung und Sie sollen die verschiedenen Lager gut organisieren.“ (27)

Am 31. August um 2 Uhr Nachmittag kam, unbemerkt von der Stadtverwaltung, Napoleon in Raab an und übernachtete im Haus von Bezerédj in der Königstraße 4 (Király utca). In seiner Begleitung waren Vizekönig Beauharnais, der Bayerische Thronfolger, der Kommandant von Raab Graf Narbonne sowie die Generäle Berthier, Lauriston, Massena, Rapp, Bertrand, Broussier und Duroi. (28) Der Bericht von Canonicus Paintner dazu lautet: „Celebratis natalis dies Imp. Napoleonis variis ludis in foro, comissationibus militum in manibus inservientibus eis civibus et cena saltationeque apud gubernatorem ac nocturna urbis illuminatione. ...“
„Der Geburtstag Kaiser Napoleons wurde mit verschiedenen Spielen am Marktplatz gefeiert, wobei die Soldaten in ihren Einheiten ausgelassen umherzogen und die Bürger sie bedienten, durch Speise und Trank beim Gouverneur und einer nächtlichen Beleuchtung der Stadt. Kaiser Napoleon kam mit Vizekönig Eugen und mit einem Fürsten der bayrischen Krone und anderen hochrangigen Führern um etwa zwei Uhr nachmittags in Raab an und nahm im Hause Bezeredj Quartier. Bald nach seiner Ankunft bestieg er ein Pferd; er nahm die Mauern und die ganze Nachbarschaft in Augenschein und erteilte Befehle, wo und auf welche Weise neue Befestigungen errichtet werden sollten und was die Soldaten zum Schutz tun sollten, falls die Unsrigen versuchten sollten, die Stadt wieder in ihren Besitz zu bringen. Nachdem er eine Audienz für morgen zugesagt hatte und sein Abendessen eingenommen hatte, wollte er um acht Uhr lesen, wobei sein Fenster mit einem blauen Vorhang verschlossen wurde; am folgenden Tag enteilte er noch vor Sonnenaufgang, ohne jemanden zu grüßen.“ (29)

Am 14. Oktober 1809 wurde im Schönbrunner Friedensvertrag festgelegt, daß die Basteien gesprengt und die Burg abgerissen werden sollte. Am 13. November um 4 Uhr nachmittags wurde die Bastei am Heiligenberg, die mittlere und die neue Bastei gesprengt. Am Tag danach die ungarische Bastei, der Kaiserturm, das Schießpulvermagazin sowie Teile der Burgmauer. Die Schloßbastei und die Sforza Halbbastei wurden verschont, da sie als Schutzdamm bei Hochwasser dienten. Dafür wurden von den französischen Pioniertruppen achtzehntausend Kilogramm Sprengstoff verbraucht. Eine Sprengung der reformierten Kirche konnte von den in der französischen Armee dienenden Architekten verhindert werden. Am 18. November verließen die Franzosen, an der Spitze der Kommandant, General Narbonne-Lara, die Stadt. Der Stadtrat von Raab hat 1810 mehrmals versucht, eine Genehmigung für den Abriß der zerstörten Burgmauern zu bekommen und die Sanierung des Wassergrabens zu erreichen. Erst am 21. Oktober 1821 wurde die Genehmigung erteilt und damit eine neue Ära begonnen.

Literatur:
(1) Ertel, Baron von: Relation über die Verschanzungen bei Raab, über die Schlacht und Belagerung dieser Festung 1809. S. 157
(2) + (5) + (29)
Paintner, Mihály: Diarium calamitatis bellicae, quacum Jaurinum per quinque menses anni 1809. conflictabatur. (Protocollum Superioris Regiae Scholarum ac Studiorum Directionis Districtus Jaurinensi de anno 1809 et 10.)

(3) Ertel, Baron von: Relation über die Verschanzungen bei Raab, über die Schlacht und Belagerung dieser Festung 1809. S.160
(4) Bay, Ferenc: Napóleon Magyarországon. S. 30
(6) Ertel, Baron von: Relation über die Verschanzungen bei Raab, über die Schlacht und Belagerung dieser Festung 1809. S. 166
(7) + (8) Zach, Karl von und Friedrich von Porbeck: Geschichte der Badischen Truppen 1809 im Feldzug der Französischen Hauptarmee gegen Österreich. S. 140 und 141
(9) Bay, Ferenc: Napóleon Magyarországon. S. 35
(10) Schikofszky, Károly: A Pozsonyi Hídfö Védelme 1809-ben. S. 180
(11) Zach, Karl von und Friedrich von Porbeck: Geschichte der Badischen Truppen 1809 im Feldzug der Französischen Hauptarmee gegen Österreich. S. 143
(12) + (13) Schikofszky, Károly: A Pozsonyi Hídfö Védelme 1809-ben. S. 187
(14) Schikofszky, Károly: A Pozsonyi Hídfö Védelme 1809-ben. S. 172 und
Bay, Ferenc: Napóleon Magyarországon. S. 46
(15) Schikofszky, Károly: A Pozsonyi Hídfö Védelme 1809-ben. S. 177
(16) Ertel, Baron von: Relation über die Verschanzungen bei Raab, über die Schlacht und Belagerung dieser Festung 1809. S. 168
(17) Bay, Ferenc: Napóleon Magyarországon. S. 47
(18) Ertel, Baron von: Relation über die Verschanzungen bei Raab, über die Schlacht und Belagerung dieser Festung 1809. S.168
(19) Bay, Ferenc: Napóleon Magyarországon. S. 48
(20) Bay, Ferenc: Napóleon Magyarországon. S. 52
(21) Schikofszky, Károly: A Pozsonyi Hídfö Védelme 1809-ben. S. 177
(22) Zach, Karl von und Friedrich von Porbeck: Geschichte der Badischen Truppen 1809 im Feldzug der Französischen Hauptarmee gegen Österreich. S. 142
(23) Ertel, Baron von: Relation über die Verschanzungen bei Raab, über die Schlacht und Belagerung dieser Festung 1809. S. 170
(24) Lám, Frigyes: Egy Györi polgár a reformkorszakban. S. 8
(25) Bay, Ferenc: Napóleon Magyarországon. S. 44
(26) Bay, Ferenc: Napóleon Magyarországon. S. 51
(27) Bay, Ferenc: Napóleon Magyarországon. S. 52 (28) Borovszky, Samu: Magyarorszag vármegyéi és városai. Györ vármegye. Seite 37